Amateurtheater in der Krise

BDAT: „Pandemiehilfen müssen alle Theatervereine erreichen!“

„Jetzt machen wir erstmal nichts – und dann warten wir ab“
Passender konnte der Titel in Pandemiezeiten wohl nicht sein. Auch das Altentanztheater Ensemble Zartbitter (Ludwigsburg) war 2020 mit der preisgekrönten Inszenierung beim Festival zum 6. Deutschen Amateurtheaterpreis amarena nur digital präsent. (Foto: Peter Pöschl)

Die Vorhänge sind zu, die Publikumsplätze bleiben unbesetzt. Die Stimmung im deutschen Amateurtheater ist angespannt. Spielpläne und Festivals, Workshops, Proben und Theaterbegegnungen sind größtenteils ersatzlos gestrichen, die Perspektive für eine Sommersaison der Freilichtbühnen fehlt. Seit März 2020 anhaltende Einnahmeausfälle führen bei den Vereinen zu teils prekären Situationen, die Vereinskonten gehen in den roten Bereich.

Nach mehr als einem Jahr zeigt die Corona-Pandemie immer mehr Auswirkungen – auch bei den außerberuflich agierenden Theatern. Der Bund Deutscher Amateurtheater (BDAT), Vertreter von 18 Mitgliedsverbänden und rund 2.500 Mitgliedsbühnen, weist eindringlich auf eine Schieflage in der Unterstützung der Amateurtheater hin: Aufgrund der föderalen Struktur und der Kulturhoheit der Länder greifen die Förder- und Unterstützungsmechanismen sehr unterschiedlich. Während Baden-Württemberger Amateurtheater finanzielle Hilfen erhalten konnten, gehen bayerische Bühnen bisher leer aus. Verweise auf reine Wirtschaftshilfen des Bundes oder der Länder helfen nicht weiter, denn diese greifen bei den ehrenamtlich geführten Amateurtheatern überwiegend nicht.

Allein mit bürgerschaftlichem Engagement, das in diesen Zeiten kreative Wege sucht und neue künstlerische Formen auch online entwickelt, ist die Krise aber nicht zu bewältigen. Deshalb appelliert Simon Isser, Präsident des BDAT: „Die Amateurtheater bedürfen bundesweit einer Unterstützung, denn sie erfüllen Generationen übergreifend und nachhaltig wesentliche Aufgaben in den Bereichen Kulturelle Bildung, künstlerische Entwicklung und kulturelle Grundversorgung. Sie sind sowohl für das soziale Miteinander als auch für die Resilienz der bei ihnen Engagierten gerade in Krisenzeiten von hoher Bedeutung. Amateurtheater fördern durch ihre Tätigkeit gesellschaftsrelevante Diskurse und ermöglichen Begegnungen jenseits der eigenen „Blase“. Sie tragen damit zur _Verständigung und gesellschaftlicher Orientierung bei – gerade auch in Krisenzeiten.“

Zwei Beispiele zeigen die gegensätzliche Wertschätzung des ehrenamtlichen Theaterschaffens: Der Landesverband Amateurtheater Baden-Württemberg mit rund 620 Mitgliedsbühnen konnte 2020 und 2021 für seine Bühnen 564.800 Euro aus der Soforthilfe für Vereine der Basiskultur beim Land abrufen und für 2021 reguläre Projektförderungen in Höhe von 798.000 Euro im Haushaltsplan einstellen. Das Impulsprogramm „Kunst trotz Abstand“ richtete sich an die Kunstszene und auch an Amateurtheater in Baden-Württemberg. Die 63 Freilichtbühnen, gleichgestellt mit festen Theaterhäusern und Kulturinstitutionen, können zudem auf die Förderung des „Nothilfefond Kunst und Kultur“ als Existenzsicherung oder Programmhilfe zugreifen. Dagegen erhält der Verband Bayerischer Amateurtheater als mitgliedsstärkster Verband im BDAT mit rund 700 Bühnen vom Land Bayern bislang keinen finanziellen Ausgleich in der Krise. Ein Hilfsprogramm des Freistaats Bayern für Amateurtheatervereine steht zwar aktuell auf dem Prüfstand, es muss jetzt aber auch dringend realisiert werden.

Die bayerischen Laienmusikvereine werden bspw. schon längerfristig in der Pandemie unterstützt. „Das Hilfsprogramm für Laienmusik wird bis 30. Juni 2021 verlängert, um Laienmusikvereinen und ihren zahlreichen ehrenamtlichen Mitgliedern durch die schwierige Zeit der Einschränkungen zu helfen“, gab der bayerische Kunstminister Bernd Sibler bereits Ende 2020 bekannt. Pro Laienmusikverein stellt der Freistaat bis zu 1.000 Euro bereit und bis zu 500 Euro pro weiterem Ensemble. Das ist richtig und wichtig, muss aber auch für das Amateurtheater gelten!

Positive Akzente setzt zwar das bundesweite Konjunkturprogramm NEUSTART KULTUR. Der Fonds Darstellende Künste initiierte daraus das Programmpaket #TakeThat zu Erhalt und Stabilisierung der vielgestaltigen Freien Darstellenden Künste – finanziert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM). Einen Baustein davon bildet das Programm #TakeAction | Semiprofessionelle Ensembles, Freilichtbühnen, dessen Begleitung der BDAT realisiert, indem er Antragstellende berät und den Fonds Darstellende Künste mit seiner Expertise unterstützt. Allerdings richtet sich das Programm aufgrund der föderalen Fördermechanismen ausschließlich an Amateurbühnen, die bereits regelmäßig mit professionellen Künstler*innen zusammengearbeitet haben.

Viele Spätfolgen der Pandemie in den Amateurtheatern werden sich erst ab 2022 zeigen. Wenn aber mit Eindämmung der Pandemie im Herbst die Vorhänge wieder aufgehen sollen und im nächsten Sommer die Freilichtbühnen ihre Pforten öffnen sollen, ist eines jetzt schon klar: auch die Amateurtheater, in allen Bundesländern, benötigen finanzielle Hilfen und politische Wertschätzung, um ihre kulturellen und gesellschaftlichen Aufgabe weiterhin zu leisten.

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