Boeing Boeing

MARC CAMOLETTI in einer Bearbeitung von MICHAEL KESSLER

Was mag wohl in der Gefühlswelt eines Mannes Ende 30 vorgehen, der Parallelbeziehungen zu mehreren Damen pflegt, von denen sich zwei für seine Verlobte halten?

„Wir suchen alle die Frau fürs Leben. Aber im Bett.“

Bernhard ist ein erfolgreicher Banker und vielbeschäftigter Womanizer. Sein Spezialgebiet sind Stewardessen, die er im Chat kennenlernt. Prinzipiell lehnt er Heim, Herd und Kind nicht ab, doch zieht er die intensive Recherche nach der Traumfrau einstweilen einer festen Bindung vor. Seinen regen Verkehr mit den Flugbegleiterinnen diverser Airlines regelt er per Smartphone, der ihn täglich mit neuen Täubchen aus der Luft versorgt. Präzise werden Landung, Zwischenstopp und baldiger Abflug koordiniert. Der „Stoßverkehr“ ist genau getimt, alles läuft nach Plan, ganz nach dem Motto: Arrival, Boeing Boeing und bye bye.

Als sich sein Freund Robert, dessen Internet-Tätigkeit sich auf Schnäppchenjagd bei Aldi beschränkt, zum Großstadtbesuch ankündigt, traut dieser seinen Augen nicht. Nach einem genauen Plan wird das Wohndekor im schicken Domizil der jeweiligen Nationalität der gelandeten Damen angepasst. Bernhards Mutter Ruth, die vorübergehend bei ihrem Sohn eingezogen ist kommentiert seine eigenwillige Interpretation von Globalisierung mit trockenen Sprüchen

Es geht nicht um Glück. Es geht um den nächsten Stich. Es geht ums Jagen und Erobern.

Das macht süchtig. Vor allem, wenn man älter wird.

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Camolettis „Boeing Boeing“ schlug in der Theaterlandschaft der 60er Jahre ein wie eine Bombe. Das Stück ist mit seiner Thematik um Sex und Fremdgehen ein jahrzehntelanger Dauerbrenner und heute aktueller denn je. Doch unsere Gesellschaft hat sich seit Doris Day und Rock Hudson radikal verändert, und moderner Boulevard muss das auch zeigen: Die Welt ist kälter, anonymer, brutaler und derber geworden. Wir leben in einer Single-Welt. Menschen „chatten und vögeln“ sich quer durch die Spaßgesellschaft, ohne Rücksicht auf Verluste. Unsere Medien haben alle Tabus gebrochen, alle Bilder gezeigt und uns komplett entzaubert.

Michael Kessler entstaubt mit seiner Bearbeitung Camolettis Klassiker von der Romantik und passt die Komödie mit viel Witz dem Ist-Zustand an. Die Hauptfigur in „Boeing Boeing“ tut das, was Millionen tun: sie jagt und ist auf der Suche nach Sex. Am Ende muss sie aber feststellen, dass sie einen Menschen verliert, mit dem eine Liebesbeziehung möglich wäre, und muss sich fragen, ob sie überhaupt liebes- und beziehungsfähig ist?

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