Theater polarisiert, konfrontiert, schafft Begegnung und heizt Debatten an

Georgien_DonJuan

Foto: Frank Weymann

Spannende Theatertage Europäischer Kulturen in Paderborn

Provokation, Irritation, Faszination und Begeisterung: Ein Potpourri an Stimmungen und Emotionen kennzeichnete die diesjährigen Theatertage Europäischer Kulturen vom 3. bis 7. Juli in Paderborn und machten sie zu einem spannenden und nachhaltigem Ereignis. Zehn freie und nichtprofessionelle Gruppen aus sechs Nationen stellten ihre Inszenierungen vor und erläuterten in öffentlichen Aufführungsgesprächen ihre Ideen, Konzepte und Herangehensweisen. Der künstlerische Austausch, das Hinterfragen von Rahmenbedingungen für die jeweiligen Produktionen und die Erläuterung der Methodik vor dem jeweiligen kulturellen Hintergrund waren zentrale Bestandteile dieses Treffens. „Eine große Bandbreite an Theaterformen und Stilmitteln wurde hier vorgestellt, die viele Impulse geben konnten“, erläuterte Festivalleiter Franz-Josef-Witting und zog mit rund 2.500 Festivalbesuchern ein positives Fazit.

Eröffnet wurde das Festival von Schülerinnen und Schülern der Rudolf-Steiner-Schule, Schloß Hamborn, mit dem Stück „Herr der Diebe“ nach dem Roman von Cornelia Funke. Verschiedene theatrale und musikalische Stilmittel, vor allem aber die große Spielfreude des Ensembles kennzeichneten die Inszenierung, in der es um die Stärken von Kindern geht, aber auch um ihre Verletzlichkeit, um Vertrauen und Mut.

Lebensträume von der eigenen Wohnung bis zum Job als Fußballmoderator standen im Mittelpunkt einer sensibel inszenierten Collage der Theatergruppe „Die Weltenbrecher“ von der Lebenshilfe Lüneburg-Harburg. Mit viel Witz, Eigenironie und mit ihrer Bühnenpräsenz zeigten die geistig behinderten Darsteller in ihrem Stück „Wo der Pfeffer wächst“, dass sie künstlerisch ernst zu nehmen sind.

In dem Drama „Von Mäusen und Menschen“ nach John Steinbeck spürte die Studio-Bühne Essen dem Lebenstraum und der ungewöhnlichen Freundschaft zweier heimatloser Tagelöhner nach. Einfühlsam und präzise arbeitete die Inszenierung die Not der Menschen in wirtschaftlichen Krisenzeiten heraus und offenbarte individuelle Defizite im menschlichen Miteinander.

Ein Tisch, Stühle, ein Vogelkäfig, Männer spielen Karten, Frauen locken – Begegnungen und Szenen in einem Haus: Mit ästhetischen Bildern, kunstvoll arrangiert, entwickelte das Dance Studio „The Crystal Cube of Brightness“ aus Sisak/Kroation mit „Let me go“ eine ausdrucksstarke Tanztheaterproduktion. Liebe und Ablehnung, Gemeinschaft und Isolation, Bedürfnisse und Ängste wurden sichtbar und gaben Assoziationen Raum. Sie konfrontierten und begeisterten. In der Inszenierung „99 Prozent“ des spinaTheater aus Solingen schreien die jungen Darsteller ihren Unmut über politische, gesellschaftliche und soziale Missstände heraus: Sie sind gegen mediale Verdummung, gegen die Macht globaler Finanzakteure, gegen Korruption, die „Lebensmittelmafia“ – und sie wissen nicht, wie der Einzelne etwas ändern kann. Mit ihrer Hilflosigkeit konfrontierten sie das Publikum, traten in eine provozierende Interaktion und versetzten Zuschauer in größte Anspannung. Diese Aufführung war ein spannungsreicher „Grenzgang“, das Aufführungsgespräch unerlässlich! Liebe, Hass, Rache, Freiheit, Wahrheit und Gerechtigkeit waren einige der Ingredienzen von „Elektra“. Die Inszenierung nach László Gyurkó, vorgestellt von Spielbrett Dresden, zeigte die Geschichte aus der griechischen Mythologie in modernem Gewand und mit aktuellen Bezügen. Die Frage nach Freiheit und Demokratie, aber auch die Instrumentalisierung von Menschen, wurde von den Protagonisten und dem Ensemble eindrucksvoll in Szene gesetzt. Die ambivalente Beziehung des Mädchens Tal zu ihrer Mutter stand im Mittelpunkt der israelischen Produktion „Die schwarze Prinzessin“. In englischer Sprache nahmen die Darsteller die Zuschauer mit auf eine kurzweilige und berührende Reise durch die widersprüchliche Gedankenwelt einer Pubertierenden. Dabei kamen sie ganz ohne Requisite aus, die sie durch eine hervorragend choreographierte Körperarbeit ersetzten.

Foto: Frank Weymann

Foto: Frank Weymann

Wie ist es, in Österreich fremd zu sein? Eingebettet in eine Krimigeschichte, persiflierte die multikulturelle Theatergruppe „Die Fremden“ aus Wien eigene Erfahrungen und Missstände, mit denen Einwanderer umgehen müssen. Die Gründung eines Cateringunternehmens, „Happy im Biss“, führte hier zu fatalen Situationen, die ähnlich einer Screwball-Komödie aufbereitet wurden. Die Requisiten am Flughafen verloren, aber „Don Juan“ im Gepäck: Das Kutaisi Youth Theatre aus Georgien zeigte eine humorvoll überzogene Kurzversion der Komödie nach der Vorlage von Molière. Temperamentvoll und lasziv spielte die Protagonistin in der Tanztheaterproduktion mit ihren Verehrern und führte den jungen Don Juan ins Verderben.

Wie man richtig bei einem Poetry-Slam applaudiert, lernte das Publikum bei der Präsentation erster Workshopergebnisse aus dem deutsch-französischen Jugendprojekt interCultour. Zehn Jugendliche erarbeiteten frische, lyrische Texte, die sie mal humorvoll, mal philosophisch, mal erotisch präsentierten. Die neue Sprachmischung „Denglais“ (Deutsch-Englisch-Francais) gab dem Ganzen eine besondere Note. Einen furiosen Abschluss mit Standing Ovations fand das Festival in der russischen Version von Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“. Als Mischung aus Schauspiel und clownesker Akrobatik erzählte die Inszenierung die Geschichte von Hans Schnier, Bölls traurigem Clown aus dem Deutschland der Nachkriegszeit. Meisterhaft gelang dem Ensemble dabei die Übertragung ins Zeitlose und Internationale. Eine Romanadaption, die fast ohne Worte auskam und stets nah am Zuschauer war.

Was ein internationales Festival wie dieses auszeichnet, fasste Josef Hollos, Vorsitzender des Zentraleuropäischen Komitees des Weltverbandes AITA/IATA, so zusammen: „Man erkennt, wo das Wesentliche liegt, was einen beeindruckt und hinterfragt auch die eigene Arbeit. Es ist ein Lernen, ein Vergleichen, ein Erfahrungsaustausch und eine Motivation, besser zu werden!“

Das Festival wurde veranstaltet vom Bund Deutscher Amateurtheater in Zusammenarbeit mit dem Amateurtheaterverband Nordrhein-Westfalen, Ausrichter war das theater der jugend, Heimatbühne Paderborn e.V.
Das Festival wurde gefördert vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages, über den Bund Deutscher Amateurtheater aus Mitteln des Auswärtigen Amtes, vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, durch die Stadt Paderborn. Das interCultour-Projekt wurde gefördert vom Deutsch-Französischen Jugendwerk.

Katrin Kellermann

Israel_SchwarzePrinzessin

Foto: Frank Weymann

 

Ein Gedanke zu „Theater polarisiert, konfrontiert, schafft Begegnung und heizt Debatten an

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s